Ich war vor kurzem bei einer Lesung bzw. Vorstellung einer wissenschaftlichen Arbeit über Fanzines in der DDR. Der Vortragende, der sich tief in die Materie eingearbeitet hatte, teilte dem anwesenden Publikum mit, dass die Punks in der DDR offenbar ein größeres Mitteilungsbedürfnis hatten als z.B. die Metaler oder die Gothics. Zumindest was Fanzines anging hatten die Punks die Nase vorn.
Nun gibt es in jeder Subkultur gewisse, von der Subkultur selber gewünschte Verhaltensmuster, wenn nicht sogar Kodexe nach denen man sich richten sollte. Das ist bei Punk natürlich der Widerspruch in sich, nichtsdestotrotz sind sie vorhanden.
Punk war doch mal gegen alles, oder?
No Future…Jung kaputt spart Altersheim…Anti-Alles-Fraktion.
Ich will nicht werden, wie mein Alter ist…
Bei so einer auffälligen Subkultur, die ja angeblich nur 1977 echt gewesen ist, gibt es mittlerweile tonnenweise gedrucktes und kopiertes.
Vieles wichtige ist gesagt worden und noch mehr unwichtiges.
Wie passt es da, dass Joachim Hiller, seines Zeichens Herausgeber des Ox (sind eure Reviews eigentlich immer noch in Schriftgröße 5 geschrieben oder habt Ihr euch an das Alter eurer Leser angepasst und die Schrift vergrößert?) über PUNK-TRADITIONEN schreibt?
Bereits im Vorwort nimmt er diesen, ihm bewussten Widerspruch auf und erklärt, dass das Buch nicht wirken soll wie “Papa erzählt von damals“.
Wie kann also das Gebaren einer Subkultur die sich als frei und individuell sieht in Schubladen gepresst werden, die dem Nicht-Auskenner eine Übersicht bringt und den Punk nicht als bloßen Pappkameraden aussehen lässt?
Antwort: Es kann nicht…also nicht wirklich.
Das Buch ist in viele kleine Kapitel unterteilt, die zu einem schnelles Aufschlagen und Lesen animieren. Die Kapitel behandeln die Themen die wir alle kennen, wie z.B.:
Pogo, Ratten, Iro, Drogen, Späte Konzerte, Punkerlederjacke oder Leopardenfell.
Das liest sich alles sehr unterhaltsam, hier und da grinse ich und lache auch mal.Es ist kurzweilig geschrieben und weckt Erinnerungen. Das ist das wirklich schöne an dem Buch.
Allerdings erzählt Joachim Hiller sehr wohl von früher, von seinen eigenen Erlebnissen, von Gehörtem und sicherlich auch von dem ein oder anderen Schwank um nicht zu sagen Mythos.
Für wen ist nun dieses Buch, was mit 20,00 € nicht gerade günstig ausgepreist ist?
Ist es für Kiddie-Punks, die sich in der Szene zurecht finden möchten?
Ist es für die Menschen Ü50, die sich gerne an ihren ersten Iro erinnern möchten?
Es ist nicht so ganz klar, aber unterhaltsam ist das Buch allemal.
Wer jetzt sagt, nicht nur die Punks haben gewisse typische Verhaltensweisen sondern auch andere Szenen. So ist das absolut richtig. Vielleicht gibt es ja bald ein Buch über “Gothic-Traditionen“ oder “Schlagermove-Traditionen“? Wer weiß…




