Raus aus der Plattform-Falle

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Raus aus der Plattform-Falle

Folge 2: Kurznachrichten

Autor
aaaaaprvdgrwwelt
Datum
13.10.2026

Kurznachrichten ohne Milliardär

Teaser: X ist zur Hetzschleuder mit eingebautem Deepfake-Generator verkommen, Threads ist Instagram mit weniger Bildern und mehr Werbung. Zeit, sich anzuschauen, wo man stattdessen kurze Texte in die Welt schicken kann, ohne einem Konzern beim Geldverdienen zu helfen.

Es gab mal eine Zeit, da war Twitter tatsächlich nützlich. Man hat dort mitbekommen, was in der Welt passiert, bevor es in den Nachrichten stand. Man konnte Leuten folgen, die einen interessieren, und hat dann auch genau das gesehen, was die geschrieben haben. In der richtigen Reihenfolge. Ohne dass sich irgendein Algorithmus dazwischendrängt.

Das ist vorbei. Und zwar nicht nur bei X, sondern auch bei dem Laden, der sich als Rettung verkauft.

X: Ein Spielzeug für einen Mann

Über X muss man eigentlich nicht mehr viel sagen, aber ich tu's trotzdem, weil es immer noch Leute gibt, die dort aus Gewohnheit herumhängen.

Seit Elon Musk die Plattform 2022 gekauft hat, ist sie Schritt für Schritt zu seinem persönlichen Megafon umgebaut worden. Der blaue Haken, der früher bedeutet hat, dass ein Account echt ist, kann seitdem einfach gekauft werden. Das hat Betrüger:innen und Fake-Accounts Tür und Tor geöffnet. Die EU-Kommission hat X deswegen Ende 2025 eine Strafe von 120 Millionen Euro aufgebrummt, weil sich Nutzer:innen dadurch als andere ausgeben und Leute in die Irre führen konnten (Quelle).

Und dann kam Anfang 2026 die Sache mit Grok. Grok ist der KI-Chatbot von Musks Firma xAI, die X im März 2025 auch gleich ganz übernommen hat (Quelle). Leute haben Grok massenhaft gebeten, Fotos von Frauen in Nacktbilder umzuwandeln. Grok hat das gemacht. Auch bei Bildern von Kindern. Bis X die Funktion eingeschränkt und dann ganz abgeschaltet hat, waren laut Berichten schon mindestens 1,8 Millionen solcher Bilder entstanden (Quelle). Die EU hat daraufhin im Januar 2026 ein neues Verfahren gegen X eröffnet (Quelle).

Lass das kurz sacken. Eine der größten Kommunikationsplattformen der Welt hatte wochenlang eine eingebaute Funktion, mit der man beliebige Menschen ohne deren Zustimmung entkleiden konnte. Jedes Foto, das du jemals irgendwo online gestellt hast, war Rohmaterial.

Wer heute noch auf X postet, macht sich zum Teil dieser Kulisse. Jeder Post bringt Aufmerksamkeit, jede Aufmerksamkeit bringt Werbegeld, und jedes Werbegeld landet bei einem Mann, der sich offen in Wahlkämpfe einmischt, auch in Deutschland (Quelle). Es gibt keinen guten Grund mehr, dort zu sein.

Threads: Die freundliche Falle

Threads ist Metas Antwort auf X, und am Anfang war das tatsächlich für viele eine Erleichterung. Die Stimmung war netter, es gab keine Nazis mit blauen Haken in jeder Antwort, und weil man sich einfach mit seinem Instagram-Konto anmelden konnte, waren sofort alle da.

Genau das war der Trick. Meta hat Threads nicht gebaut, um die Welt zu verbessern. Meta hat Threads gebaut, weil X geschwächelt hat und da plötzlich ein Haufen Aufmerksamkeit herumlag, die man einsammeln konnte. Die ersten anderthalb Jahre gab es keine Werbung (Quelle). Logisch: Erst holt man die Leute rein, dann macht man Kasse.

Seit Ende Januar 2026 läuft auf Threads weltweit Werbung für alle (Quelle). Und zwar mit genau demselben KI-gestützten Werbesystem wie bei Facebook und Instagram. Meta sagt selbst, dass man auf Threads das gleiche Maß an personalisierter Werbung erwarten darf wie auf den anderen Plattformen (Quelle). Was du dort liest, likest und schreibst, landet im selben Werbeprofil wie dein Instagram-Konsum.

Und es läuft für Meta. Threads hat inzwischen über 400 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen (Quelle), auf Smartphones ist es bei den täglichen Nutzer:innen sogar an X vorbeigezogen (Quelle). Das Wachstum kommt nicht von ungefähr: Meta blendet in Instagram Hinweise ein, man solle doch Threads beitreten (Quelle). Ein Konzern, der seine eigenen Apps gegenseitig füttert, um dich möglichst lange und möglichst vollständig zu vermessen.

Dazu gilt auf Threads dasselbe Regelwerk wie bei Facebook und Instagram (Quelle). Also auch die Lockerungen bei Hassrede, über die ich in der Einleitung geschrieben habe. Threads ist nicht das bessere Twitter. Threads ist Meta mit einem freundlicheren Gesicht.

Ein Detail, das oft als Argument für Threads genannt wird: Meta hat angefangen, Threads mit dem Fediverse zu verbinden. Man kann also von Mastodon aus manchen Threads-Accounts folgen. Klingt erst mal offen und nett. Ich traue dem nicht. Ein Konzern mit mehreren hundert Millionen Nutzer:innen, der sich an ein offenes Netz andockt, in dem gerade mal ein paar Millionen unterwegs sind, kann dieses Netz sehr schnell dominieren. Über 700 Fediverse-Server haben sich deshalb in einem gemeinsamen Pakt verpflichtet, Threads zu blockieren (Quelle). Ich finde, aus gutem Grund.

Mastodon: Gehört niemandem, und das ist der Punkt

Mastodon gibt es schon seit 2016, also deutlich länger als Threads oder Bluesky. Gestartet hat es Eugen Rochko, der damals in Jena Informatik studierte (Quelle), und seitdem ist es das bekannteste Stück vom Fediverse.

Wie das Fediverse funktioniert, habe ich in der Einleitung erklärt. Kurz noch mal: Mastodon ist nicht eine Plattform, sondern tausende Server, die miteinander reden. Du suchst dir einen aus, legst dort ein Konto an und kannst trotzdem allen anderen folgen, egal auf welchem Server die sitzen.

Das Wichtigste an Mastodon ist, was es nicht hat. Es gibt keine Werbung. Es gibt keinen Algorithmus, der entscheidet, was du siehst. Deine Timeline zeigt dir die Posts der Leute, denen du folgst, in der Reihenfolge, in der sie geschrieben wurden. Fertig. Niemand verkauft deine Daten, weil niemand daran verdient.

Und es gibt keinen Besitzer, der es kaufen oder verkaufen könnte. Anfang 2025 hat Mastodon angekündigt, die Marke, die Rechte und alles Wichtige an eine neue gemeinnützige Organisation in Europa zu übergeben, damit das Projekt nie wieder einer einzelnen Person gehören kann (Quelle). Rochko selbst ist dafür als Chef zurückgetreten (Quelle). Stell dir vor, Musk hätte das mit Twitter gemacht. Eben.

Finanziert wird das Ganze vor allem über Spenden (Quelle), und viele einzelne Server leben ebenfalls von Spenden ihrer Nutzer:innen. Das ist nicht immer bequem, aber ehrlich. Wenn du für einen Dienst nicht bezahlst, bist du das Produkt. Bei Mastodon bezahlst du, wenn du willst, und bist trotzdem kein Produkt.

Auch Behörden und Institutionen haben das verstanden. Mastodon betreibt den Server der EU-Kommission, und das Land Schleswig-Holstein hat einen Supportvertrag mit Mastodon abgeschlossen (Quelle). In Deutschland betreibt der Bundesdatenschutzbeauftragte mit social.bund.de einen eigenen Mastodon-Server, auf dem über 40 Behörden und Institutionen posten, darunter zahlreiche Bundesministerien (Quelle).

Technisch hat Mastodon in letzter Zeit ordentlich aufgeholt. Es gibt inzwischen Zitat-Posts, also das, was man bei Twitter Quote-Tweets nannte, allerdings mit der Möglichkeit, selbst festzulegen, ob man überhaupt zitiert werden will. Dazu kommen kuratierte Sammlungen von Accounts, damit man als Neuling nicht vor einer leeren Timeline sitzt, und man kann einem Account sogar per E-Mail folgen, ohne selbst ein Konto zu haben (Quelle).

Bluesky: Netter, aber nicht frei

Zu Bluesky habe ich in der Einleitung schon einiges geschrieben, deshalb hier nur das, was für den Vergleich wichtig ist.

Bluesky fühlt sich an wie das alte Twitter, nur ohne die Leute, wegen denen man gegangen ist. Die Bedienung ist einfach, man ist in zwei Minuten angemeldet, und es gibt Feeds, die man selbst zusammenstellen oder von anderen übernehmen kann. Mit über 43 Millionen registrierten Konten (Quelle) ist es deutlich größer als Mastodon. Wobei auch hier gilt: Registriert heißt nicht aktiv. Täglich unterwegs sind laut Schätzungen etwa 4,5 Millionen (Quelle).

Das Problem ist das Geld dahinter. Bluesky hat eine Finanzierungsrunde über 100 Millionen Dollar abgeschlossen, angeführt von Bain Capital Crypto, bei einer Bewertung von rund 700 Millionen Dollar (Quelle). Das sind Investor:innen, die dieses Geld nicht aus Nächstenliebe hergeben. Die wollen es irgendwann vervielfacht zurück. Und wenn eine Firma ihren Geldgebern Rendite liefern muss, weiß man ziemlich genau, wie diese Geschichte normalerweise weitergeht. Ich habe sie bei Twitter, Facebook und Instagram schon gesehen.

Dazu kommt, dass Bluesky in der Praxis fast komplett zentral läuft. Rund 99 Prozent aller Konten liegen auf den Servern der Firma (Quelle). Die offene Technik darunter ist ein Versprechen für später, nicht die Realität von heute.

Schlecht ist Bluesky deshalb nicht. Es ist um Welten besser als X und Threads. Aber es ist eine Firma, keine Gemeinschaft. Wer dort ist, sollte das wissen und sich nicht wieder genauso abhängig machen wie vorher.

Mastodon und Bluesky im direkten Vergleich

Mastodon Bluesky
Wem gehört's? Gemeinnützige Organisation, tausende unabhängige Server Firma mit Risikokapital
Werbung Keine Bisher keine
Algorithmus Keiner, chronologische Timeline Wählbare Feeds, Standard ist ein Algorithmus
Größe rund 10 Mio. Konten, unter 1 Mio. monatlich aktiv über 43 Mio. Konten, ca. 4,5 Mio. täglich aktiv
Einstieg Etwas mehr Nachdenken (Server wählen) Sehr einfach
Umziehen Serverwechsel mit Followern möglich Theoretisch möglich, praktisch selten
Finanzierung Spenden Investor:innen

Mein Fazit ist eindeutig: Mastodon ist das, was ich empfehle. Bluesky ist in Ordnung als zweites Standbein, wenn deine Leute dort sind. Aber dein Zuhause sollte da sein, wo dir niemand den Boden unter den Füßen wegverkaufen kann.

Wer ist schon dort?

Auf Mastodon findest du neben den Behörden auf social.bund.de auch die obersten Bundesgerichte, die dort ihre Pressemitteilungen veröffentlichen (Quelle), und Medien wie heise, das mit social.heise.de sogar einen eigenen Server betreibt (Quelle). Es ist kleiner und ruhiger als die großen Plattformen, aber die Gespräche sind oft deutlich besser. Wer dort etwas Kluges schreibt, bekommt kluge Antworten. Das kenne ich von X schon lange nicht mehr.

Auf Bluesky sind vor allem viele Journalist:innen. Im März 2025 hatten laut Pew Research schon 43 Prozent der untersuchten Nachrichten-Influencer dort ein Konto, vor der US-Wahl 2024 waren es nur 21 Prozent (Quelle).

Umstieg Schritt für Schritt: Mastodon

  1. Server aussuchen. Das ist der Schritt, an dem die meisten hängen bleiben, deshalb mein Tipp: Mach dir nicht zu viele Gedanken. Du kannst später umziehen. Nimm lieber nicht den riesigen Server mastodon.social, auf dem schon über eine Million Konten liegen (Quelle), sondern einen kleineren, deutschsprachigen. Eine gute deutschsprachige Anlaufstelle ist zum Beispiel social.tchncs.de, ein Server aus Deutschland ohne Werbung und Tracking (Quelle). Mehr Auswahl gibt es auf joinmastodon.org. Die Server dort haben sich auf gemeinsame Regeln verpflichtet: Sie halten Hetze fern, machen tägliche Backups und kündigen eine Schließung mindestens drei Monate vorher an (Quelle). Schau dir vorher kurz die Regeln an und ob der Server gerade neue Leute aufnimmt.
  2. Konto anlegen. Name, Mailadresse, Passwort. Dein Konto heißt dann zum Beispiel @deinname@social.tchncs.de. Der Teil hinter dem zweiten @ ist dein Server, so wie bei einer Mailadresse.
  3. Eine App holen. Die offizielle Mastodon-App funktioniert gut. Wer mehr will, nimmt auf Android zum Beispiel Tusky oder Moshidon, auf dem iPhone Mona. Im Browser ist Phanpy einen Blick wert (Quelle).
  4. Profil ausfüllen und vorstellen. Schreib ein paar Zeilen über dich und setz einen ersten Post mit dem Hashtag #neuhier ab. Hashtags sind auf Mastodon wichtiger als anderswo, weil es keinen Algorithmus gibt, der deine Posts verteilt. Du kannst Hashtags auch folgen, dann landen alle Posts dazu in deiner Timeline.
  5. Leuten folgen. Am Anfang ist es leer, das ist normal. Such nach Themen, die dich interessieren, schau, wem die Leute folgen, die du gut findest, und folge großzügig. Nach ein, zwei Wochen sieht deine Timeline ganz anders aus.
  6. Bilder beschreiben. Auf Mastodon ist es üblich, bei Bildern einen Alternativtext zu hinterlegen, damit auch blinde Menschen mitbekommen, was drauf ist. Mach das. Es kostet zehn Sekunden.

Umstieg Schritt für Schritt: Bluesky

Konto auf bsky.app anlegen, fertig. Ein netter Trick: Du kannst deine eigene Domain als Namen verwenden, also zum Beispiel @deinname.de statt @deinname.bsky.social. Das ist gleichzeitig ein kleiner Schutz gegen Fake-Accounts. Zum Einstieg helfen sogenannte Starterpakete, das sind Listen mit Accounts zu einem Thema, denen man mit einem Klick folgen kann.

Wenn du Mastodon und Bluesky verbinden willst, schau dir Bridgy Fed an. Damit können Mastodon-Leute deinem Bluesky-Konto folgen und umgekehrt, sofern du die Brücke für dein Konto einschaltest (Quelle). Mein Rat: Mach Mastodon zu deinem Hauptkonto und lass Bluesky über die Brücke mitlaufen.

Raus aus X und Threads

Lad dir vorher deine Daten herunter. Bei X geht das in den Kontoeinstellungen über die Funktion zum Herunterladen deines Datenarchivs. Dann stell einen letzten Post ein, in dem steht, wo man dich jetzt findet, und lass den ein paar Tage stehen. Danach Konto deaktivieren. Wenn du dich 30 Tage lang nicht mehr einloggst, löscht X es endgültig (Quelle).

Bei Threads kannst du dein Profil löschen, ohne dass dein Instagram-Konto mit draufgeht (Quelle). Gleiches Vorgehen: Daten sichern, Umzugspost absetzen, löschen.

Die Haken

Mastodon ist leiser. Wenn du von X kommst, wo jeder Post sofort Reaktionen bekommt, weil der Algorithmus Wut verteilt, wirkt Mastodon am Anfang fast leer. Das ist kein Fehler, das ist eine andere Art von Netz. Reichweite musst du dir hier über Inhalte und Gespräche verdienen, nicht über Empörung.

Die Suche ist eingeschränkter. Du findest nicht jeden Post von jedem Server, sondern vor allem das, was in deiner Ecke des Netzes unterwegs ist. Volltextsuche funktioniert nur für Posts, bei denen die Leute das ausdrücklich erlaubt haben (Quelle).

Die Serverwahl verwirrt. Und wenn ein kleiner Server dichtmacht, weil die Betreiber:innen keine Lust oder kein Geld mehr haben, musst du umziehen. Server aus der Liste auf joinmastodon.org müssen so etwas aber mindestens drei Monate vorher ankündigen, und deine Follower nimmst du mit.

Auf Bluesky ist es lauter und voller, aber eben auch abhängiger. Was dort mit deinen Daten passiert, wenn die Investor:innen ungeduldig werden, weiß heute niemand.

Und auf beiden Plattformen gilt: Viele, die du von früher kennst, sind noch nicht da. Das ändert sich nur, wenn Leute anfangen.

Und RamTatTa?

RamTatTa ist auf Mastodon, auf Bluesky und auf Threads. Auf X ist RamTatTa nicht, und das bleibt so.

Threads ist der Widerspruch, den ich mir selbst ankreiden muss. Nach allem, was ich hier geschrieben habe, gibt es keinen inhaltlichen Grund, dort zu bleiben, nur einen bequemen. Mastodon ist das Zuhause von RamTatTa, und wer RamTatTa wirklich folgen will, findet dort alles zuerst. Bluesky läuft als zweites Standbein mit, solange es sich anständig verhält. Und Threads wird zum Wegweiser umgebaut, mit dem Ziel, dort ganz zu verschwinden.

Wenn du RamTatTa gerade auf Threads liest: Komm rüber. Du verpasst nichts, außer Werbung.

von aaaaaprvdgrwwelt · 13.10.2026

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