
Man muss also auf den Einzelfall eingehen. TURBOSTAAT ist eine erfahrene Band, und wenn die statt nur einer losen Liedersammlung ein Album zu einem übergeordneten Thema zu machen, dann ist das sicherlich ein mutiger Schritt, aber auch realistisch zu schaffen. Breite Einleitung, kurz zum Punkt: Bei „Abalonia“ ist es gelungen. Wie ein Roter Faden zieht sich die Geschichte einer Flucht durch das Album. Krieg, Fremdheit, Tod, und der Umgang mit den Änderungen. Somit kann man das Album gut in Bezug zu aktuellem Tagesgeschehen setzen. Würde man mir aber erzählen, die Texte seien aus dem Tagebuch eines Menschen während des zweiten Weltkriegs, würde mich das auch nicht überraschen. Alles bleibt universell gefasst, sogar das Ziel ein Fantasieland: Abalonia. Soll das auf die mythische Insel aus der Artus-Sage hindeuten? Vielleicht ein kluger Kunstgriff. So wird man womöglich in Jahren noch die Songs auf die dann aktuellen Konflikte beziehen können. Mich persönlich hat dieses beinahe schon esoterische Texten allerdings schon bei früheren Alben der Band genervt. Das hier ist im Vergleich zu früher ein Schritt hin zur Klarheit, trotz allem; konkretere Aussagen als hier wird man von TURBOSTAAT nicht bekommen. Stattdessen: Poesie, teilweise sehr gut darin, Bilder und Situationen mit wenigen Zeilen hervorzurufen. Und teilweise bleibt es im Dunkeln.
Aber genug von Texten. Schließlich gibt es noch die Musik! Diese deckt sich teils mit dem, was ich von der Band kenne: Stur durchgeschrammelter Punkrock mit darüber mehr gerufener als gesungener Lyrik. Puh, wieder so ein Ding. Auf diesen Sprech-Schrei-Gesang könnte Jens Rachut bitte mal ein Patent anmelden und ordentliche Lizenzgebühren kassieren, denn der ist nun nicht unbedingt so schön, dass ich das bei so vielen Bands haben müsste. Und wenn ich nicht singen kann wie Pavarotti – warum sollte ich das dann unbedingt in einer Tonlage tun, die mir viel zu hoch ist? Unverständlich. Aber auch hier: Ihr wolltet TURBOSTAAT, und Ihr bekommt TURBOSTAAT. Wer die Band mag, findet vermutlich auch gerade das geil, was ich hier beklage.
Zum Glück hat das Album musikalisch viel Abwechslung in Petto. Da geht es mal ruhiger zur Sache, mal wilder. Teilweise kann man die zerbombte Einöde beinahe mit den Händen fassen, die Anspannung, die Entfremdung des „Eisenmanns“, der mit einem endlos ausgewälzten geehrt wird. Die Band lässt in den Arrangements auch mal mehr Luft, es müssen nicht immer alle gleichzeitig ihr Instrument traktieren, und trotzdem hängt ein Stück nicht durch. Das ist übrigens ganz stark der Verdienst der Bassgitarre, die durchgehend an der richtigen Stelle groovt. Das Songwriting ist solide bis gelungen, auch wenn man hier und da merkt, dass gezielt mit Stilbruch experimentiert wurde. Da fühle ich mich dann teilweise wie in einem Theaterstück von Brecht, wo die Schauspieler auch so komisch gekünstelt daherreden.
Fans haben die Scheibe sowieso schon. Für alle, die ein in sich geschlossenes, vielseitiges und düsteres Punk-Indie-Something-Album suchen, ist das hier interessant und hörenswert.
Video zum Song „Abalonia“:
https://youtu.be/FUWOnJdqI_k



