Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als Band-Promotion im Netz nicht daraus bestand, für drei Sekunden Aufmerksamkeitsspanne im Hochformat vor einer Smartphone-Kamera rumzuhüpfen? Als man sich nächtelang durch schrecklichen HTML-Code gequält hat, um auf dem eigenen Profil das perfekte blinkende GIF einzubauen, einen rauschigen Song im Profilplayer einzubetten und mit Akribie die „Top 8“-Freunde zu sortieren?
Wer vor zwanzig Jahren in einer kleinen Band gespielt hat, verdankt Myspace so einiges. Ohne Algorithmus-Müll, dafür mit direkter Vernetzung, Tour-Bookings über Postfächer und mp3s, die direkt im Browser abgespielt werden konnten. Seit der Übernahme durch News Corp und spätestens mit dem Aufstieg von Facebook ist der Laden allerdings verottet.
Jetzt geistern wieder einmal Meldungen durchs Netz, dass Myspace zurückkommen soll. Anlass ist eine Doku über die Plattform, in der die aktuellen Eigentümer – die Brüder Chris und Tim Vanderhook – wörtlich sagten: „Wir werden Myspace neu starten. Wir warten nur auf den richtigen Zeitpunkt.“
Ihre These: Die aktuellen Netzwerke wie TikTok, Instagram oder X bringen keinen Spaß mehr, weil 80 Prozent der Feeds aus gesponserter Werbung, KI-Müll und Beiträgen von Leuten bestehen, denen man nie gefolgt ist. Myspace soll stattdessen wieder ohne süchtig machende Algorithmen funktionieren – entschleunigt, kuratiert und mit Fokus auf Musik. So schön die Nostalgie-Brille auch ist: Wer jetzt schon anfangen will, seinen alten Account auszugraben, sollte die Füße ganz schnell wieder stillhalten.
Was in manchen Tech- und PR-Glossen als „großes Comeback“ verkauft wird, ist bei genauerem Hinsehen nichts als vage Absichtserklärung. Die Vanderhooks haben weder ein fertiges Konzept vorgelegt, noch gibt es Screenshots, Mockups oder irgendeinen Zeitplan. Welches Team das technisch umsetzen soll, weiß niemand. Gründer Tom Anderson – das legendäre erste Profilfoto eines jeden Accounts – ist natürlich auch nicht dabei.
Dazu kommt: Die Vanderhooks besitzen den Laden seit 2011. In den letzten 15 Jahren haben sie bereits mehrere Versuche unternommen, Myspace neu aufzuziehen oder als Musikplattform umzubauen. Gebracht hat es am Ende gar nichts.
Dass Musikerinnen, Bands und Hörer kein Bock mehr auf die Meta-Monopole und kaputtoptimierte Feeds haben, steht außer Frage. Aber ob ausgerechnet die Marke Myspace aus dem Marketing-Sarg steigt, um uns davor zu retten, bleibt extrem unwahrscheinlich. Bis auf Weiteres gilt also: Glaubt dem Branchen-Gequatsche nicht. Wenn ihr Bands unterstützen wollt, geht auf Konzerte, kauft Platten am Merchstand oder nutzt Plattformen wie RamTatTa, die heute schon funktionieren und keinem Tech-Konzern gehören.
